Sonntag, 6. April 2014

Rezension ~ Roter Mond von Benjamin Percy

Hallo Leute,
vor einiger Zeit erreichte mich eine Email vom PENHALIGON VERLAG, der anfragte, ob ich das neu erschienene Buch Roter Mond von Benjamin Percy lesen wollen würde. Zuerst war ich abgeneigt, da es sich hierbei um einen Werwolf-Roman handelt und ich damit einfach nicht so viel anfangen kann. Doch als ich den Klappentext durchlas, interessierte mich das Buch doch, weswegen ich dann zusagte. Heute bin ich dann endlich mit dem Buch fertig geworden.

Er denkt an das Mädchen, an Claire. Eigentlich hat er in letzter Zeit kaum an etwas anderes gedacht als an sie. Ständig schwebt sie am Rand seines Bewusstseins. Wie ein Totenkopfschmetterling.
(Benjamin Percy // Roter Mond (Penhaligon) // S. 220)

Inhalt

Als Patrick zu seiner Mutter ziehen soll, da sein Vater in den Krieg ziehen muss, ahnt er nicht, dass sich auf dem Flug sein Leben für immer verändern wird. Claire ist gerade dabei, sich durch College Broschüren zu lesen, als Männer von der Regierung das Haus stürmen und ihre Eltern umbringen. Sie kann nur knapp entkommen. Chase Williams ist als Gouverneur erfolgreich, sagt dem Terrorismus den Kampf an und droht mit harten Sanktionen, als er überfallen wird und knapp mit dem Leben davon kommt. Miriam hat sich in ihrem Haus verbarrikadiert, da sie weiß, dass die Schergen ihres Exmannes nach ihr suchen und sie überzeugen wollen, wieder bei der Organisation mitzuarbeiten. Das Leben dieser vier Menschen wird durch einen schicksalhaften Tag miteinander verwoben: den Tag, an dem die Lykaner Amerika den Krieg erklären...

Meine Meinung

Ich war wirklich auf das Buch gespannt, da es sich vom Klappentext her und von den Stimmen doch sehr von üblichen Werwolf-Roman abheben soll. Ich stehe eigentlich nicht so sehr auf Bücher, in denen es um Vampire, Werwölfe und dergleichen geht, dennoch wollte ich dem Buch eine faire Chance geben. Nicht zuletzt, da es von einem Mann geschrieben wurde und ich mir einfach erhoffte, dass es keine kitschige Liebesgeschichte gibt, wie man sie in so vielen Büchern leider findet.

Der Beginn des Buches ist sehr heftig. Zunächst einmal deswegen, da das gesamte Buch im Präsens geschrieben ist und ich das immer sehr gewöhnungsbedürftig finde. Daher hatte ich schon auf den ersten Seiten das Gefühl, dass es ungemein anstrengend sein wird, das Buch zu lesen. Präsens ist einfach nicht für einen Roman geeignet. Tja, was soll ich sagen? Nach wenigen Seiten gewöhnt man sich daran, nach hundert Seiten merkt man es gar nicht mehr und nach der Hälfte liebt man diesen Schreibstil. Spätestens nach der Hälfte. Zumindest ging es mir so. Benjamin Percy schreibt unnachahmlich toll. Bei jedem Satz, bei jedem Wort, hatte ich das Gefühl, mir alles bildlich vorstellen zu können, als sei ich selbst dabei. Ich weiß nicht warum, aber die detaillierten Beschreibungen, die er von der Umgebung gibt, sind so anschaulich, so fein und niemals zu übertrieben oder unwichtig. Sie sind genau richtig, sodass man sich in die Situation hineinversetzt fühlt. Sei es die Beschreibung vom zerkratzten Lack an einer Tür oder dem Quietschen von Schuhsohlen auf Linoleumboden. Oder die Form, wie Blut an eine Wand spritzt. Der Autor beschreibt alles bildlich, geht auf jedes Detail ein und erwähnt Dinge, die im ersten Augenblick vielleicht unwichtig oder unnötig erscheinen, die der gesamten Szene aber Flair, Raum und Echtheit geben. Möglicherweise wird es Leser geben, die den Schreibstil nicht mögen werden, denn Benjamin Percy beschönigt nichts. Worte wie "ficken", "Schwanz" und dergleichen fallen oft, zudem gibt es sicherlich auch einige, die mit der Detailverliebtheit nichts anfangen können. Doch bei diesem Buch hat alles einfach perfekt gepasst.
Die drückende Stille im Haus umfängt ihn. Dann ist es wieder da, dieses Geräusch. Klick, klick, klick. Als würde jemand mit einem Stück Kreide auf eine Tafel klopfen. Es ist ganz nah und direkt vor seiner Tür. Der Knauf bewegt sich nicht, aber die Tür stöhnt ganz leise in den Angeln, als würde jemand von draußen die Hand dagegen drücken.
(Benjamin Percy // Roter Mond (Penhaligon) // S. 223)
Dass der Autor nichts beschönigt und nichts unter den Tisch kehrt spürt man schon auf den ersten Seiten, die direkt deutlich machen, welche Richtung das Buch einschlagen wird, sodass man sich frühzeitig entscheiden kann, ob man es lesen möchte oder nicht. Schon zu Beginn wird beschrieben, wie viele Menschen auf brutale Art und Weise ermordet, ja zerfleischt werden. Viel lässt der Autor dabei nicht aus. Manche Leser werden hier bestimmt schon abbrechen, aber mich hat das gerade so gefesselt, da es der Beweis dafür war, hier keine schnulzige Werwolf-Romanze vorgesetzt zu bekommen. Als erster Charakter wird Patrick eingeführt, der mit dem Flugzeug zu seiner Mutter fliegen muss, die er gar nicht wirklich kennt und zu der er eigentlich auch nicht will. Sein Vater muss in den Krieg ziehen, in eine fiktive Republik, die zwischen Finnland und Russland liegt, in der Lykaner offiziell leben und in der es große Uranvorkommen gibt, weswegen sich die USA natürlich einmischen muss. Das Weltbild mit den Lykanern fand ich sehr faszinierend und einfallsreich. Ob man es glaubt oder nicht, aber Benjamin Percy hat, was die Werwölfe betrifft, tatsächlich noch Einfallsreichtum bewiesen und mich wirklich überraschen können. Die Idee hinter dem "Fluch" fand ich sehr gut durchdacht, die medizinischen Fakten waren sehr interessant und die Art und Weise, wie die Lykaner sich verwandeln und wie sie leben war innovativ. Die Welt, in der die Geschichte stattfindet, ist unsere, nur mit dem kleinen Unterschied, dass fünf Prozent der Weltbevölkerung Lykaner sind. Die meisten leben friedfertig und ruhig mit "normalen" Menschen zusammen, aber wie in jeder Randgruppe gibt es auch unter den Lykanern ein paar Extremisten, die sich mit ihrer Rolle als Randgruppe und Außenseiter nicht zufrieden geben wollen. 

In meiner letzten Rezension zu INDIGO - DAS ERWACHEN habe ich mich noch beschwert, dass es einfach zu viele Perspektiven gibt, die der Leser verfolgt. Auch in diesem Buch erlebt man die Handlung aus der Sicht von mindestens vier Personen, aber auch von vielen anderen, sodass man am Ende bestimmt auf über zehn Sichtweisen kommt, wenn nicht sogar mehr. Doch auch hier passt es einfach, es passt perfekt. Vielleicht liegt es daran, dass bei 640 Seiten den Charakteren einfach mehr Platz zur Entfaltung gegeben wird. Zudem sind die unterschiedlichen Perspektiven unheimlich spannend, besonders die von Patrick und Claire, die auch die beiden Haupt-Protagonisten sind. Aber auch die anderen Erzählstränge haben mich gefesselt, da immer nur genauso viele Informationen wie Notwendig preisgegeben wurden und die Kapitel netterweise gerne mal mit einem Cliffhanger endeten, sodass man gar nicht anders konnte als weiterlesen. Zudem mochte ich die Charaktere. Alle. Sie waren keine Wundertypen, nicht perfekt und hatten alle ihre Macken. Es waren einfach Menschen wie du und ich, mit denen jeder Leser sich identifizieren kann. Sie sind nicht übertrieben schön oder hässlich, tatsächlich spielt die Optik bei den Protagonisten bei Weitem nicht so eine wichtige Rolle wie in vielen anderen Büchern. 

Besonders an dem Buch ist, dass die Handlung knapp zwei Jahre umfasst. Die Geschichte beginnt, da ist Patrick Ende siebzehn und endet, da ist er über neunzehn, fast zwanzig. In diesen zwei Jahren passiert eine ganze Menge, wobei auch manchmal einige Monate ausgelassen werden und man nur durch Zusammenfassungen und Rückblenden erfährt, was in diesen Monaten passiert ist. Wer glaubt, dass Claire und Patrick die ganze Zeit zusammen sind, der irrt. Ihre Wege trennen sich, sie erleben unterschiedliche Dinge und haben unterschiedliche Motive für ihr Handeln. Manche Wege kreuzen sich früher, andere später. Aber alle kommen irgendwann zu einem gemeinsamen Punkt zusammen und alles geht von einem Ereignis aus, das Patrick an Bord des Flugzeuges erlebt hat. Vorwarnen sollte man vielleicht noch, neben den schonungslosen Beschreibungen von brutalen Geschehnissen, dass das Buch eine sehr düstere Stimmung allgemein hat. Den Charakteren geschieht selten bis nie etwas Gutes. Wer für eine solch doch recht depressive Stimmung nicht zu haben ist, die gegen Ende noch krasser wird, der sollte um das Buch einen großen Bogen machen. 

Kennt ihr noch die Gänsehaut-Bücher, die es in den Neunzigern gab? Wenn ja, werdet ihr euch sicherlich erinnern, dass diese Bücher immer fies endeten. Erst dachte man immer, alles sei gut überstanden und es gäbe ein Happy End, doch auf den letzten Seiten kommt dann der große Knall, dass doch nicht alles gut ist, dass irgendeine Kleinigkeit schief gelaufen ist und dass das Grauen nie aufhört. Auch Roter Mond hat so ein Ende. Wobei man eigentlich nicht mal ansatzweise von einem Happy End reden kann, denn das gibt es hier nicht. Wie bereits geschrieben ist das Buch nicht schön, es gibt kaum bis keine glücklichen Momente, aber zum Ende hin denkt man noch: puh, immerhin ist es nicht schlimmer geworden. Und dann kommt das Ende und man weiß: oh nein, es wird niemals aufhören. Doch irgendwie passt auch das zu dem Buch perfekt. Ich war selber erstaunt, aber irgendwie hat mich das Buch nicht unbefriedigt zurückgelassen und ich muss zugeben, dass mich ein Alle-leben-glücklich-bis-an-ihr-Lebensende-Ende eher unzufrieden gemacht hätte, da es in keinster Weise zum Buch passen würde. Leider leider leider gibt es aber auch vor allem auf den letzten fünfzig Seiten ein paar Punkte, die mich stören. Es wird ziemlich viel unbeantwortet gelassen und man weiß einfach nicht, was mit manchen Charakteren noch passiert ist oder passieren wird. Zudem waren mir ein, zwei Handlungsstränge zum Ende hin viel zu schnell und plötzlich gelöst, da war ich etwas enttäuscht, weil ich da mehr erwartet hatte. 

Ich könnte jetzt noch viel mehr von dem Buch berichten und ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Rezension Roter Mond in keinster Weise gerecht werde und dass ich noch gar nicht alles angesprochen habe, was erwähnenswert wäre, aber das würde eindeutig den Rahmen sprengen und dann würde ich wirklich Gefahr laufen, zu spoilern, daher höre ich hier auf. Ich kann nur raten, das Buch selber zu lesen.  

Fazit

Roter Mond ist ein heftiges Buch, das Ekel, Faszination, Mitleid, Wut, Abscheu, Trauer und viele andere Emotionen beim Lesen hervorruft. Es hebt sich ganz klar von anderen Büchern ab, in denen es um Werwölfe geht. Der Schreibstil und die Charaktere muss ich besonders hervorheben, da sie dem Buch eine Authentizität verliehen, wie ich sie selten mal erlebt habe. Wer also einen sehr ungewöhnlichen Werwolf-Roman lesen möchte und nicht vor derben Beschreibungen und Gewalt zurückschreckt, für den kann das Buch durchaus was sein. Ich vergebe abschließend sehr gute


Sonstige Infos
Titel: Roter Mond
OT: Red Moon
Reihe: /
Verlag: Penhaligon Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag
Seiten: 638
Preis: 19,99€
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an

Kommentare:

  1. Boar, ich hatte bisher keinen Plan, worum es in diesem Buch ging xDD Ich dachte mir so: Klick die Rezi mal an, vielleicht weißte das dann endlich mal, weil ich das Buch in letzter Zeit mal öfter sehe. Ich muss aber sagen, dass das Cover so etwas von nicht ansprechend ist xDD Dafür klingt das Ganze inhaltlich aber echt nicht schlecht :D Danke für deine gut geschilderten Eindrücke :D Lesen, werde ich es aber wahrscheinlich trotzdem nicht ;)

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    1. Hallo Tanja,
      Der eigentliche Klappentext sagt auch nicht viel aus und die Story des Buches ist auch extrem Komplex, das habe ich selten mal erlebt. Das Cover ist vielleicht nicht total schön, aber sehr passend für das Buch. Und da es auch eher was für Erwachsene Leser ist, muss es ja kein Eye-Catcher sein ;) Wobei ich auch sagen muss, dass dieses englische Cover viel schöner ist.
      Haha, sag niemals nie ;)
      Liebe Grüße, KQ

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  2. Hey =)
    Wirklich sehr schöne Rezi! Ich hab das Buch zwar noch nicht gelesen, aber ich denke schon, dass du dem Buch damit gerecht wirst. Mir ist das Buch schon vor Wochen aufgefallen und durch deine Rezi bin ich noch interessierter als vorher. Mir gefällt sehr gut, dass es von Stil her mal was anderes ist und auch wenn ich eigentlich Happy Ends mag, kann ich auch damit leben, wenn es mal keins gibt. Vorausgesetzt es ist gut gemacht =)
    Das Buch steht nun definitiv auf meiner Wunschliste.

    LG
    Anja

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    1. Hallo Anja,
      Dankeschön, es freut mich, dass dir meine Rezension gefällt :)
      Das Buch ist auf jeden Fall einen Blick wert, es hebt sich stark von der breiten Masse ab und ist absolut kein Mainstream, was ich wirklich mochte. Ich bin auch ein Fan von Happy Ends, aber wie du schon selber gesagt hast, wenn es gut gemacht ist und passt, was hier definitiv zutrifft, ist es auch okay :D
      Liebe Grüße, KQ

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  3. Ich hab nur die ersten drei Absätze gelesen und weiß definitiv, dass das Buch nichts für mich ist^^
    Aber es freut mich, dass du trotz deiner Skepsis ein paar schöne Lesestunden hattest :)

    Liebe Grüße,
    Lyrica

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    1. Hallo Lyrica,
      ja das Buch ist sehr eigen, daher hat es auch im Schnitt bei Goodreads eher schlechte Bewertungen, aber ich denke, dass die Leser einfach was ganz anderes erwartet haben (wahrscheinlich romantischen Kitsch) und von der Brutalität des Buches überrumpelt waren.
      Naja, schöne Lesestunden hatte ich mit dem Buch nicht ;) Sie waren sehr aufreibend ;)
      Liebe Grüße, KQ

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